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Wer heute eine Urinprobe in ein Labor schickt oder einen Teststreifen in die Probe hält, nutzt eine Diagnostik, die auf rund zweieinhalb Jahrtausenden medizinischer Beobachtung aufbaut. Die folgende Zeitreise zeigt, wie sich der Blick auf den Urin – buchstäblich – vom bloßen Auge zur automatisierten Labormedizin entwickelt hat.

Hinweis: Dieser Beitrag ist eine medizinhistorische Übersicht und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Konkrete Fragen zur Urindiagnostik beantwortet am besten Ihre haus- oder fachärztliche Praxis.

Antike: von den Ägyptern bis ins alte Rom

Die Anfänge der Urinanalyse reichen bis in die Antike zurück. Bereits die alten Ägypter führten optische Prüfungen des Urins durch. Mit seiner Vier-Säfte-Lehre verlieh der griechische Arzt und Gelehrte Hippokrates um 400 vor Christus der Urinanalyse eine besondere Bedeutung. Seiner Annahme nach bestimmten die vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle das gesundheitliche Gleichgewicht des Menschen, und ein Ungleichgewicht führte zu Krankheit. Mit dieser Vorstellung legte Hippokrates den Grundstein für die systematische Untersuchung von Körperflüssigkeiten. Der Urin galt ihm als Filtrat der vier Körpersäfte und war deshalb von besonderem diagnostischem Interesse.

Die damalige Urinuntersuchung war eine Harnschau, auch als Uroskopie bezeichnet, und beruhte auf den körpereigenen Sinnen: Farbe, Konsistenz, Geruch und – in manchen Fällen – sogar der Geschmack wurden geprüft. Gesammelt wurde der Urin in einem eigens dafür vorgesehenen Gefäß, der Matula. Man ging davon aus, dass die Matula den Körper des Patienten abbildet: Anomalien am oberen Gefäßrand wurden mit Erkrankungen des Kopfes in Verbindung gebracht, Veränderungen am Gefäßboden mit Leiden der unteren Körperhälfte.

Rund 600 Jahre später griff der römische Arzt und Gelehrte Galen die Vorstellungen von Hippokrates auf und entwickelte sie weiter. Er kam zu der Erkenntnis, dass Urin ein Filtrat des Blutes sei – und nicht, wie von Hippokrates angenommen, ein Filtrat aller vier Körpersäfte.

Mittelalter

Die Urinuntersuchung wurde im Mittelalter fortgeführt, wobei die Methodik weitgehend der aus der Antike bekannten sinnlichen Prüfung entsprach. Besonderen Wert legte man schon damals auf die Probenentnahme, weil sie als essentiell für eine aussagekräftige Analyse galt. Der Urin sollte über 24 Stunden in einem sauberen Behältnis gesammelt und dabei vor Sonne und Wärme geschützt werden, damit die Farbe sich nicht verfälschte. Die Uroskopie wurde zum diagnostischen Standardwerkzeug des mittelalterlichen Arztes und findet sich auf zahlreichen Buchillustrationen der Zeit wieder – das Urinschauglas wurde geradezu zum Erkennungszeichen der Heilkunde.

Renaissance: 14. bis 17. Jahrhundert

In dieser Epoche geriet der Stellenwert der Urinanalyse zeitweise außer Kontrolle. Diagnosen wurden bisweilen ausschließlich auf Grundlage des Urinbefundes gestellt, und einige sogenannte Uromanten versuchten sogar, mithilfe des Urins die Zukunft vorauszusagen. Gegen Ende der Renaissance setzte allmählich eine Gegenbewegung ein, die diese Überinterpretation kritisierte und auf rationalere diagnostische Methoden drängte.

18. und 19. Jahrhundert und der Stand heute

Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts interessierten sich Ärzte zunehmend für die Chemie, die der Urinanalytik zugrunde liegt. Es begann die systematische Forschung an den wissenschaftlichen Grundlagen verschiedener Untersuchungsmethoden. Das Ergebnis waren genauere und verlässlichere Verfahren, die allerdings weiterhin vergleichsweise aufwendig blieben. In den 1930er Jahren etwa gab es eine Methode zur Bestimmung des Glukosegehalts einer Urinprobe, bei der der Urin zunächst mit einer Nachweisflüssigkeit vermischt und anschließend über einem Bunsenbrenner erhitzt werden musste, bevor sich ein Ergebnis ablesen ließ.

Im Jahr 1941 erfolgte mit dem ersten Schnelltest ein Durchbruch in der Urinanalyse. Die US-amerikanische Firma Miles Laboratories brachte einen Test mit dem Namen Clinitest heraus – eine Brausetablette, die den Urin je nach Zuckergehalt unterschiedlich färbte. Die resultierende Farbe erlaubte einen direkten Rückschluss auf den Glukoseanteil in der Probe. Rund fünfzehn Jahre später, 1956, kam mit Clinistix der erste standardisierte Urin-Teststreifen auf den Markt, entwickelt von Alfred und Helen Free bei Miles Laboratories. Die ersten Urinteststreifen des heute marktführenden Unternehmens Roche wurden im Jahr 1964 eingeführt.

Im Laufe der Zeit hat sich die Urinanalyse enorm weiterentwickelt und ist zu einem unverzichtbaren diagnostischen Mittel im klinischen Alltag geworden. Automatisierte Streifenleser, chromatographische Verfahren und digitale Befundauswertung ergänzen heute, was einst mit bloßem Auge über der Matula geschah – das Grundprinzip bleibt jedoch dasselbe: Der Urin ist ein Spiegel des Stoffwechsels, und wer ihn zu lesen weiß, erfährt viel über den Zustand des Körpers.

Quellen

Büttner J. – „Urina ut signum: Zur historischen Entwicklung der Urin-Untersuchung“, in: Zusammenarbeit von Klinik und klinischer Chemie, Springer Berlin Heidelberg, 1991: doi.org/10.1007/978-3-642-84384-6_1
MedMuseum Siemens Healthineers – „Von der Harnschau zum automatisierten Großlabor“: medmuseum.siemens-healthineers.com/harnschau-zu-grosslabor
Praxis Sonnenberger – Urinanalyse-Kompendium (PDF): praxis-sonnenberger.de/urinanalyse-kompendium.pdf
Armstrong JA – „Urinalysis in Western culture: A brief history“, Kidney International 2007: doi.org/10.1038/sj.ki.5002362
Free AH, Free HM – „Urinalysis, critical discipline of clinical science“, CRC Critical Reviews in Clinical Laboratory Sciences 1972: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/4569434

Wichtiger medizinischer Hinweis
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