Wer einmal einen Harnstein hatte, weiß: Die Kolik ist das eine, die Sorge vor dem nächsten Stein das andere. Und diese Sorge ist berechtigt, denn laut der aktuellen deutschen Leitlinie zur Urolithiasis liegt die Rezidivrate bei bis zu 50 Prozent – jeder zweite Stein ist also nicht der letzte. Genau an dieser Stelle setzt ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt an, mit dem wir bei Medipee uns seit einigen Jahren beschäftigen. Wichtig vorweg: Das Analysegerät und unsere zugehörige App Uroli sind heute noch kein verfügbares Produkt – aber wir haben bereits erste Studienerfahrungen gesammelt und möchten unseren Ansatz hier einordnen.
Zwei Parameter, die Harnsteine verraten: pH-Wert und spezifisches Gewicht
Zwei Risikofaktoren haben bei der Entstehung von Harnsteinen einen besonderen Stellenwert: der pH-Wert und das spezifische Gewicht des Urins. Der pH-Wert gibt an, wie sauer oder basisch der Urin ist, und spiegelt damit sehr direkt Ihre Ernährungsweise wider – ein dauerhaft saures Milieu begünstigt insbesondere Harnsäure- und Calciumoxalat-Steine. Das spezifische Gewicht wiederum gibt Auskunft darüber, wie konzentriert der Urin ist und wie es um den Flüssigkeitshaushalt im Körper steht. Allgemein lässt sich sagen: Ein saures Milieu und ein stark konzentrierter Urin, also eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr, begünstigen die Entstehung von Harnsteinen deutlich. Auch die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Urologie empfiehlt in der Metaphylaxe explizit eine Anhebung der Trinkmenge mit Zielwerten für das Harnvolumen – ein Mechanismus, der sich direkt im spezifischen Gewicht abbildet.
Urinanalyse als Biofeedback: Verhalten sichtbar machen
Unser Gedanke ist, dass eine regelmäßige Analyse dieser beiden Parameter im Alltag wie ein Biofeedback-System funktionieren kann. Biofeedback bedeutet im Kern, dass unbewusste Körperfunktionen oder Verhaltensmuster sichtbar gemacht werden, damit man sie gezielt verändern kann. Auf Harnsteine übertragen heißt das: Ihr Urin ist ein Spiegel dessen, was Sie in den Tagen zuvor gegessen und getrunken haben. Wenn Sie diesen Spiegel unmittelbar und regelmäßig zur Verfügung haben, wird aus einem abstrakten Ratschlag („mehr trinken, weniger Fleisch“) eine konkrete, messbare Rückmeldung. Sie sehen unmittelbar, wie sich Trinkmenge und Ernährung auf den Urin auswirken – und können ebenso unmittelbar nachjustieren. Damit soll Uroli über die reine Datenerfassung hinausgehen und Menschen dabei unterstützen, ihre Lebensweise Schritt für Schritt in Richtung Steinprophylaxe zu verändern.
Die Lücke im Entlassmanagement
In der stationären und ambulanten urologischen Versorgung wird ein Stein heute in den meisten Fällen minimalinvasiv entfernt – technisch ein großer Fortschritt. Was im Versorgungsalltag jedoch oft zu kurz kommt, ist die anschließende Aufklärung zur Rezidivprophylaxe. Entlassgespräche sind kurz, Ambulanzen voll, und die Metaphylaxe – also die langfristige Verhinderung eines neuen Steins – verlangt Zeit, Geduld und ein strukturiertes Gespräch über Ernährung, Trinkverhalten und Lebensstil. Viele Patientinnen und Patienten verlassen die Klinik ohne klare Vorstellung davon, wie sie ihren nächsten Stein eigentlich verhindern können. Bei einer Rezidivrate von bis zu 50 Prozent ist das kein Randproblem, sondern der Hauptgrund, warum wir uns diesem Thema überhaupt widmen.
Unser Ansatz soll genau diese Versorgungslücke füllen helfen – nicht als Ersatz für die ärztliche Betreuung, sondern als Brücke zwischen den Arztbesuchen. Ein Werkzeug, das im häuslichen Alltag unauffällig weiterläuft, wo das klinische Entlassgespräch endet.
Uroli als Begleiter: Daten plus Wissen
Die geplante Uroli-App soll die Messdaten nicht nur strukturiert aufbereiten, sondern auch einen großen Wissensbereich rund um das Thema Harnsteine bieten. Hier wollen wir Informationen und Hinweise bündeln, wie sich der Urolithiasis gezielt vorbeugen lässt – von den verschiedenen Steinarten über ernährungs- und flüssigkeitsbezogene Maßnahmen bis hin zu den Empfehlungen der aktuellen Leitlinie. Ziel ist, dass Sie am Ende nicht nur wissen, was Ihre aktuellen Werte aussagen, sondern auch, was Sie daraus ableiten können.
Was unsere Studienerfahrung bisher zeigt
Wir haben unser Konzept nicht am Schreibtisch belassen. In ersten Studien konnten wir beobachten, dass sich pH-Wert und spezifisches Gewicht im häuslichen Alltag verlässlich erfassen lassen und dass Nutzerinnen und Nutzer ihr Trink- und Ernährungsverhalten über dieses direkte Feedback spürbar anpassen. Genau dieser Rückkopplungseffekt – Messwert sehen, Verhalten anpassen, neuen Messwert sehen – ist der Kern unseres Biofeedback-Gedankens und der Grund, weshalb wir an diesem Ansatz weiterarbeiten.
Quellen
AWMF / DGU – S2k-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe der Urolithiasis“ (Registernummer 043-025): register.awmf.org/de/leitlinien/detail/043-025
European Association of Urology (EAU) – Guidelines on Urolithiasis: uroweb.org/guidelines/urolithiasis
Knoll T et al. – „Aktualisierung der S2k-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe der Urolithiasis: Was ist neu?“, Die Urologie 2019: doi.org/10.1007/s00120-019-01033-7
Deutsche Gesellschaft für Urologie – Pressemitteilung zur aktualisierten S2k-Leitlinie Urolithiasis (2019): urologenportal.de/neue-empfehlungen-zur-volkskrankheit-harnsteine






